Leistungsgesellschaft statt Ursachenforschung
Kürzlich führte ich eine angeregte Diskussion über unsere Kinder, die nicht wollen, ungezogen sind und gesellschaftlich überhaupt nicht kompatibel sind.
Leider musste ich feststellen, dass die Bildzeitung, INSM und die Bertelsmannstiftung wieder ihre Arbeit „gut“ gemacht haben.
Hier ein paar Auszüge dieser Diskussion:
Diskussionspartner:
Die Schüler heutzutage können doch nichts mehr. Was lernen sie denn noch? Sie wollen doch nicht, guck sie dir doch mal an. Kein Benehmen, kein Willen zu lernen.
Ich:
Der Unterrichtsausfall an öffentlichen Schulen hat in der letzten Zeit enorm zugenommen. Bereits zu meiner Schulzeit (Abi ´91), sind sehr viele Fächer wegen Lehrermangels nicht oder geringfügig unterrichtet worden. Erdkunde wurde mir ab der 7. Klasse nicht mehr nahe gebracht und Physik hatten wir auch nur am Rande. Diese Situation hat sich für die jetzigen Schüler nicht verbessert. Es kann gar nicht das Wissen vermittelt werden, welches laut Lehrplan vermittelt werden müsste.
Dazu ein Auszug aus einem Bericht aus erziehungstrends.de
„Wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ in ihrer Ausgabe vom 24.9. 06 meldet, warnt der Philologenverband vor einer dramatischen Zunahme des Unterrichtsausfall an den deutschen Schulen. Die Lage könne sich bei einer Steigerung der fehlenden Lehrer von im Vorjahr 10.000 auf jetzt 14.-16.000 eklatant verschlechtern, so dass in diesem Schuljahr bis zu einer Million Unterrichtsstunden pro Woche ersatzlos ausfielen: eine erschreckend hohe Zahl, die zu einer starken Verminderung der schulischen Qualität bundesweit führt und die durch keine anderen Maßnahmen aufgefangen werden kann“.
Diskussionspartner:
Selbst bei unseren Einstellungstests fallen Gymnasiasten durch. Letztens haben 40 Leute den Test gemacht und keiner kam durch. Die wollen doch nicht mehr lernen.
Ich:
Das Problem liegt aber auch an dem heutigen Schulsystem. Wir haben ein 3-Klassen-System: Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Gerade Kinder und Jugendliche, welche die Hauptschule besuchen, sind doch schon heute gesellschaftlich ausgegrenzt. Aber das heißt nicht, dass sie nicht fähig sind, eine Aufgabe zu übernehmen.
Mir wäre es viel lieber, wenn wir alle Schüler gleich behandeln und sie nach ihren Neigungen und ihrem Können fördern und sie in dieser Entwicklung unterstützen. Nach einer Grundausbildung in den Hauptfächern sollte jeder Schüler individuell weitergebildet werden. Ebenso soll das Schulnotensystem abgeschafft werden. Denn der zusätzliche Druck hemmt die Jugendlichen in ihrer Entwicklung.
Diskussionspartner:
Jaja, dann sitzen die Kids 13 Jahre lang rum und starren Löcher in die Luft
Ich:
Na das sollte mir mal einer vormachen. Kinder sind grundsätzlich wissbegierig. Sie stellen Fragen, wollen Dinge erfahren. Diese Eigenschaft sollte nicht durch Druck und Konkurrenzkampf in Klassen eingeschränkt werden. Jedes Kind darf sich frei in den Unterricht mit einbringen. Wenn der Unterricht gut gemacht ist, werden sich auch alle entsprechend daran beteiligen. Ich erinnere auch noch mal daran, dass die Kinder sich ihre Fächer selbst ausgesucht haben, in denen sie Spaß haben und welche ihren Interessen entsprechen.
Diskussionspartner:
Aber wie soll denn die Leistung gemessen werden? wie soll ich denn bei Einstellungen wissen, was der Bewerber kann?
Ich:
Die heutigen Bewerbungen sind eh ein Einheitsbrei. Aus denen geht nicht wirklich hervor, was ein Arbeitnehmer kann oder nicht kann. Es wird immer erwartet, was jemand gemacht hat. Das sagt jedoch nichts über das eigentliche Können aus. Zumeist wird den Bewerbern nie die Chance gegeben, einen Job zu bekommen, der ein bestimmtes Können zu Tage bringt.
Ich habe nichts dagegen, wenn auch weiterhin bei Einstellungen Fragebögen ausgehändigt werden, die ein Grundwissen abfragen, welches für den Job erforderlich ist. Ich glaube, dass manche Manager dann heute nicht auf ihren Posten sitzen würden. Auch in einem Gespräch sollte schon eine Tendenz des Wissens geklärt werden. Zudem gibt es noch die Probezeit, in der sich der Arbeitnehmer (aber auch der Arbeitgeber) bewähren kann. Es sind nicht nur die inhaltlichen Aspekte bei einer Einstellung zu sehen sondern auch die persönlichen und charakterlichen. Ist der Arbeitnehmer bereit, neue Aufgaben zu erlernen?
Diskussionspartner:
Also wenn ich auf der Arbeit sehe, welche Bildung manche haben…. Wenn ich könnte wie ich wollte, würde ich die Hälfte der Belegschaft rauswerfen.
Ich:
Deine Kollegen müssen doch irgendwie an ihren Job gekommen sein. Wenn sie nicht in der Lage sind, ihren Job inhaltlich auszuführen, wieso sind sie dann noch im Unternehmen?
Aber wieso so negativ? Jeder Mensch kann was. Manche bewegen sich vielleicht in bestimmten Grenzen, über die sie nicht hinwegkommen. Sie entwickeln sich nicht am Arbeitsplatz weiter, beherrschen aber das was sie tun sehr gut. Auch einprogrammierte Aufgaben kann manchen Arbeitnehmern genügen. Diese Arbeitsteilung ist ausreichend für das Tagesgeschäft und auch wichtig. Wieso müssen Arbeitnehmer immer mehr Leistung bringen? Wenn sich jemand nicht weiterbilden mag, weil er/sie es nicht will, ist es doch auch in Ordnung. Für die Einstellung des entsprechenden Jobs hat es doch gereicht.
Diskussionspartner:
Ich finde, wir müssen mehr Leistung bringen. In der Vergangenheit hat alles viel besser funktioniert. Heute will keiner mehr was leisten. Wir müssen auch mehr Druck ausüben, damit die Leistungsbereitschaft wieder hergestellt wird.
Ich:
Mit Druck schürst Du nur Ängste, erreichst aber nur bedingt eine scheinbar bessere Leistung. Nach Deiner Methode steigt höchstens der Fehlerquotient. Ob damit die Arbeit nun besser wird, bleibt mal dahingestellt.
Um das Konzept der Leistung auf Beruf und Schule zu beziehen: Hat der Druck und der Leistungswahn etwa dazu geführt, dass die Situation sich verbessert hat? Haben wir motivierte Schüler und Mitarbeiter, welche keine Ängste mehr haben und gerne ihre Aufgaben erfüllen?
Diskussionspartner:
Nein.
Ich:
Wieso sollten wir dann ein Auto, dessen Motor schon beschädigt ist, mit einem weiteren kaputten Motor bestücken, damit die Leistung vorangetrieben wird? Sollten wir nicht lieber nach Alternativen schauen?
Diskussionsparter:
Ach, das was Du Dir vorstellst klappt doch eh nicht.
Ich:
Aha, das weißt Du also schon. Interessiert mich nur, woher? Ist es nicht viel wichtiger sich Alternativen zu öffnen und neues zu versuchen? Was unser Schulsystem anbelangt, so ist doch schon so ziemlich alles marode, was marode sein kann. Wieso nicht das Einheitsmodell mit der individuellen Förderung probieren? Schlimmer kann es doch kaum noch werden.
Fazit dieses Gespräches:
Viele in unserer Gesellschaft stecken gedanklich in den konventionellen Systemen. Wer leistet wird entlohnt. Wer nicht leistet ist selbst schuld. Nur bekommen viele Menschen in unserer Gesellschaft nicht die Chance, etwas leisten zu dürfen. In der Bildung werden sie schon in hierarchische Modelle gezwungen und ihnen wird somit suggeriert, welchen gesellschaftlichen Status sie haben.
Es wird allmählich nachvollzogen, dass sich was ändern muss. Nur wird das System nicht hinterfragt, sondern die Schwachen unserer Gesellschaft. Hauptschüler sind alle unerzogen und dumm. Das zu behaupten ist einfacher als zu eruieren, wieso Hauptschüler keine Chance auf eine Lehrstelle bekommen. Wer will wissen, zu welchen Fähigkeiten ein Hauptschüler in der Lage ist?
Vielleicht ist Heiko P. ein fürsorglicher Altenpfleger, der hervorragend mit älteren Leuten umgehen kann. Aber im Gesundheitssystem werden die Gelder gestrichen.
Vielleicht ist Sabine M. eine sehr gute Verkäuferin, die mit Kunden freundlich und kompetent umgehen kann. Aber seit dem Hatz II-Gesetz werden Vollzeitstellen im Einzelhandel massenweise auf Stellen für geringfügig Beschäftigte zusammengestrichen.
Es hat also einen Grund, wieso Junge Leute perspektivlos und unmotiviert sind. Aber in unserer Gesellschaft wird lieber nach einem Schuldigen als nach den Ursachen gesucht. Und die Schuldigen sind in der Wahrnehmung nicht diejenigen, welche die Rahmenbedingungen für unser Land setzen, sondern die Menschen, welche bereits ganz unten in unserer Gesellschaft zu finden sind.
Die Bildzeitung, INSM und Bertelsmannstiftung zeigen durchaus mit ihren manipulativen und einseitigen Veröffentlichungen bei der Bevölkerung Wirkung.
