Arbeit in der Praxis: Günter Wallraff undercover bei einem Lidl-Zulieferer

Derzeit kursiert ein Name immer wieder durch die Medien: Günter Wallraff, Journalist, Aufdecker, Entdecker und Undercoveragent oder wie man ihn nennen will. Seine Methode ist ganz einfach: Er schleust sich dort ein, wo es weh tut, sammelt seine Eindrücke aus erster Hand und informiert die Öffentlichkeit. Es sind Umstände und Zustände, über welche die Betroffenen nicht zu reden vermögen, weil sie sonst Repressionen zu erwarten hätten.

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In seinem jüngsten Werk berichtet Wallraff über die Zustände bei Weinzheimer, dem exklusiven Brötchenlieferant für den Discounter Lidl. Der Artikel „Unser täglich Brötchen“, der in der Zeit erschienen ist, zeigt wieder ein mal mehr, wohin der Preisdruck der Marktführer kleinere Betriebe hinzwingen kann, so dass Moral, Anstand und auch die Menschenwürde gänzlich ausgeblendet werden.


Mit äußerstem Geschick schafft Wallraff es 65-jährig eine Stelle in dem Unternehmen Weinzheimer zu bekommen, welches nur Leute zwischen 20 und 30 Jahre einstellt. In dem Alter ist man noch leistungsfähig und dem alltäglichen Druck gewachsen, so das unternehmerische Denken. Das lässt schon einiges erwarten.

Weinzheimer ist ein traditionelles Backunternehmen, welches sich nur noch darauf spezialisiert hat, europaweit für Lidl Aufbackbrötchen herzustellen. Dort werden etwa 50 Mitarbeiter beschäftigt. Wallraff stellt sich die Frage, wie ein Deutsches Unternehmen funktioniert, welches sich dem Kostendruck der Lieferanten aus China, Indien oder Rumänien stellen muss.

In den so genannten Billiglohnländern werden die Menschenrechte schon lange nicht mehr, oder wurden nie, gewahrt. Arbeitsschutz und Krankenversicherungen gehören nicht zu den Bedingungen der Arbeitsverhältnisse. In China / Taiwan werden die Menschen oftmals in Fabrikhallen untergebracht, dessen Fenster vergittert sind. Das erworbene Geld reicht nicht mal aus, eine eigene Unterkunft zu finanzieren. Es reicht gerade mal, um in der Firmenhalle unterzukommen.

Liest man folgenden Absatz und vergleicht ihn mit den Arbeitsbedingungen bei Weinzheimer, so kommen hier schon einige Parallelen auf:

„Selbst bei der von Mattel kontrollierten Modellfabrik <Mattel Diecast China> stießen die Kontrolleure im Jahr 2001 reihenweise auf illegale Arbeitsbedingungen: Eine 60-Stunden-Woche (in China sind inklusive Überstunden maximal 49 Stunden pro Woche erlaubt). Beschäftigte, die wegen der großen Hitze in den Betriebsräumen – mehr als 40 Grad Celsius – kollabierten. Lärmpegel, welche die von Mattel gesetzten Grenzwerte weit überstiegen. Giftige Gasdämpfe im gesamten Fabrikgebäude.“

Quelle: Das neue Schwarzbuch der Markenfirmen

Wie kann also ein deutsches Unternehmen mit der Konkurrenz aus den Billiglohnländern mithalten? Hier vergleiche aus der deutschen Firma:

  • Wallraff beschreibt, dass der Arbeitsschutz bei Weinzheimer nicht ernst genommen wird. So erleiden Mitarbeiter häufig Verbrennungen durch die heißen Backbleche.
  • Bei einer Kopfverletzung wird einem Mitarbeiter erst nach Schichtdienst erlaubt, ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen zu dürfen. Vor Ort wurde ihm nicht geholfen.
  • Wallraff musste fehlerhafte Brötchentüten aufschlitzen, die mit Kohlendioxid gefüllt sind. Er bekam dadurch Kopfschmerzen, brennende Augen und die Kehle trocknete aus
  • Zwei Stunden lang musste er draußen Abfallbrötchen in einem Container entsorgen. Es war Februar und es herrschten Minusgrade. Einen Kittel durfte er nicht anziehen.
  • Zwei Kollegen mussten ohne ausreichenden Atemschutz eine Isolierung an einem Mehlsilo mit Glaswolle vornehmen. Die Fasern sind stark krebserregend.

Zwar ist Wallraff über ein gefakes 50Plus-Verfahren (ohne Entlohnung) in das Unternehmen gerutscht aber in dem Text wird erwähnt, dass es keine Absicht gab, ihm einen Vertrag anzubieten. Das scheint hier zweitrangig zu sein. Der Stundenlohn im Unternehmen liegt bei 7,66 Euro Brutto. Zum Vergleich: Die Niedriglohnschwelle liegt im Westen bei 9,61 Euro und im Osten bei 6,81 Euro pro Stunde. Krankheitstage werden oft, Feiertage wie Weihnachten und der erste Mai werden gar nicht bezahlt. Kranke Mitarbeiter werden zudem noch aus dem Unternehmen gemobbt.

Hier ein Schaubild, welches die Entwicklung der Lohnstückkosten in Deutschland aufzeigt:

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Die Lohn-Zahlungen erfolgen wenn Lidl gezahlt hat und das kann schon mal mit Verzögerung passieren. Ebenso wurden auch die Lidl-Überwachungsmethoden übernommen. Mitarbeiter wurden vom Inhaber Bernd Westerhorstmann selbst beobachtet. Eine Schichtführerin trug anstatt einer weißen, eine graue Hose. Westerhorstmann beobachtete dies und mahnte die Mitarbeiterin ab.

Die Gründung eines Betriebsrates wurde natürlich, ähnlich wie bei Lidl und Schlecker, mit Repressionen verfolgt. Die Mitarbeiter, welche an der Gründung beteiligt waren, sind alle nicht mehr bei Weinzheimer beschäftigt. Ein Mitarbeiter, der sich weigerte eine Änderungskündigung zu unterschreiben musste folgendes erleben:

„Eine fristlose Kündigung ohne Vorwarnung und ohne ersichtlichen Grund traf schließlich auch einen früheren Betriebsleiter. Als er auf Wiedereinstellung klagte, schickte der Brötchenfabrikant den neuen Werksleiter und seine Betriebsrätin zu den Mitarbeitern. Sie sollten mit ihrer Unterschrift bekunden, dass sie die Arbeit niederlegen würden, sollte der Gefeuerte wieder eingestellt werden. Einem Schlosser, der seine Unterschrift verweigerte, wurde gedroht, er werde entlassen, falls man den Geächteten wieder einstellen müsse.“

Mittlerweile gibt es Reaktionen von Weinzheimer, nachdem Günter Wallraff mit diesen Fakten an die Öffentlichkeit gegangen ist. In einer Pressemitteilung vom 9. Mai 2008 informiert Bernd Westerhorstmann, dass alle Mitarbeiter rückwirkend ab dem 1. Mai 2008 übertarifliche Löhne erhalten werden. Er entschuldigt sich und bedauert, dass Lidl so ins falsche Licht gerückt wurde.

Ich merke an, dass Lidl in der Vergangenheit selbst dafür gesorgt hat, sich ein negatives Image zu erarbeiten.

Ich lege jedem ans Herz diesen Bericht von Günter Wallraff in der kompletten Form durchzulesen. Weinzheimer ist nur ein Beispiel für das, was tag täglich nicht nur in China, Indien, Rumänien, sondern auch in Deutschland möglich ist.

Günter Wallraff „Unser täglich Brötchen“


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Der Beitrag wurde am 3. Juni 2008 um 22:23 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Arbeit, Politik gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.