Die Piraten der Neuzeit

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Ich freue mich immer wieder, wenn ich Menschen begegne, die mir ihre Erfahrungen aus der Berufswelt mitteilen. Zumeist können wir uns gar nicht vorstellen, mit welch einer Dreistigkeit Unternehmen mit Menschen umgehen. Ich schreibe gezielt nicht “Mitarbeiter” weil ein “MIT” kaum noch zu erkennen ist. Der Mensch wird kaum noch mit all seinen Rechten also solcher am Arbeitsplatz behandelt. Noch schlimmer ist die Ausnutzung der Notlage von Arbeitslosen bzw. Hartz IV-Empfängern.

Ein mir bekannter Autor verfasste den folgenden Erfahrungsbericht und deutet darauf hin, wie Arbeitslose in die Irre getrieben werden:

“Es war Ende des Jahres 2003, müsste Ende September gewesen sein, wenn ich mich recht erinnere. Ich war damals echt am Boden – seit 2 Jahren arbeitslos, lebte ich von Hartz 4 und wusste kaum noch wovon ich das Porto für Bewerbungen aufbringen sollte. Ich hab echt Hunderte geschrieben und mit den Absagen konnte ich ein Zimmer tapezieren.

Dann hab ich in der lokalen Zeitung eine Anzeige entdeckt: “Suchen kaufmännische Mitarbeiter für allgemeine Bürotätigkeiten.” Es war schon komisch, dass kein Firmenname dabei stand, aber egal. Ich hab also da angerufen und wurde für den nächsten Tag zum Vorstellungsgespräch geladen.

In dem Bürogebäude war reges Treiben denn die hatten mehrere Leute zum Gespräch geladen, welche von den verschiedenen Mitarbeitern nach und nach in die Büros geholt wurden. Mir wurde ein wenig über die Unternehmensgeschichte erzählt – Sitz in München, schnell gewachsen, wollen sich weiter ausbreiten blabla Vermittlung von Versicherungen…..

Auf meine Frage, wie denn die Tätigkeiten aussehen, kam erstmal: “Ja wir haben hier diese Formulare, die Sie dann mit den Kunden ausfüllen, und auch Datenerfassung”, das Übliche halt. Die Beratung der Kunden übernehmen wir. Ich dachte noch „Na besser als nix“.

Als die Sprache auf die Bezahlung kam, wurde mir ein Betrag genannt, der zwar nicht wirklich befriedigend klang, aber besser als Hartz IV allemal. Mir wurde auch versichert, dass es eine Festanstellung sei. Dann wurde ich zu einem Infoabend eingeladen, wo alles genauer erklärt werden sollte und schwups, nach einer Viertelstunde war ich wieder raus aus dem Laden.

Der Infoabend war mehr eine Verkaufsveranstaltung, nur dass man dort keine Heizdecken bekam. Der Leiter diese Filiale erklärte kurz was zur Firma (das Gleiche hatte ich ja schon mal gehört) und fing dann an zwei Stunden über Altersvorsorge, Berufsunfähigkeitsversicherungen und Ähnliches zu erzählen und wie notwendig es sei die Menschen zu beraten weil Lebensversicherungen als Altersvorsorge ja so mies sind und es viel bessere Wege gebe, dass dieser Finanzdienstleister exklusiv die besten Produkte anbieten könne weil sie ja unabhängig seien und ihren Kunden das beste raussuchen könnten (wie man unabhängig sein kann und dennoch exklusiv Produkte vertreiben kann wurde nicht erklärt).

Nach dem endlosen Abend wurde ich von dem Mitarbeiter, der den Abend ebenfalls dort verbrachte, zum nächsten Termin eingeladen. Da wurde mir der ganze Kladderadatsch noch einmal erzählt und mit lustigen Grafiken und Bildern noch mal verdeutlicht. Dass die nicht wirklich eine Schreibkraft suchten wurde mir aber erst beim dritten Treffen erzählt und dass die Bezahlung ohne Fixgehalt rein auf Provision beruhte ebenfalls.

Aber der Kollege meinte: “Ach das ist nicht so schwer. Wir machen auch keinen Außendienst wo sie an Türklinken rütteln und die Leute besuchen, die Kunden kommen zu uns. Das Meiste geht dabei durch Mund zu Mund Propaganda”, blabla. “Besuchen Sie mal ein paar Schulungen und sie werden sehen, dass Sie das auch können. Ach übrigens, wollen Sie nicht auch mal Ihre eigenen Unterlagen durchleuchten lassen? Was wollen Sie denn sonst sagen wenn Sie ein Kunde fragt, ob sie auch durch unsere Beratung Geld gespart haben?…”

Ich hab mich von dem genauso einwickeln lassen wie einige Andere. So besuchte ich einige Produktschulungen, bei denen uns auch gleich eingetrichtert wurde, welches die besten Produkte für die Kunden sind. Im Endeffekt sind die besten Produkte die, für die der Berater Provision bekommt. Daher wird, wenn man denn Berater wird, auch mit genau diesen Versicherungsanstalten ein Vermittlervertrag geschlossen – sehr unabhängig. So nach und nach rückten die Gruppenleiter immer mehr mit der Sprache raus, sozusagen in der Salamitaktik – Scheibchen für Scheibchen.

Man wird geschult und macht eine Prüfung, dann ist man Finanzberater. Ja klar, nach 3 Monaten Schulung ist man auch genauso kompetent wie ein Versicherungskaufmann der das 3 Jahre gelernt hat. Man teilt sich das Büro mit dem Gruppenleiter weil nicht genug Büroraum zur Verfügung steht. Für jeden Vertragabschluss bekommt man Punkte und Provision. Dummerweise nicht alles, denn der Gruppenleiter kriegt einen Teil davon ab, und derjenige, der darüber steht ebenfalls und derjenige, der darüber steht…
Ein typischer Strukturvertrieb im Pyramidensystem. Wenn man eine bestimmte Punktezahl im Monat erreicht, ist das Büro kostenlos, ansonsten muss man Miete zahlen. Wer besonders viele Punkte hat, bekommt auch einen Dienstwagen. Das ging von Polo und Golf bis hin zu Porsche oder BMW. Die Punkte musste man aber jeden Monat bringen, um den Wagen kostenlos halten zu können. Die einfachste Methode: neue Mitarbeiter werben, die dann für einen arbeiten und an denen man dann mitverdienen konnte.

Die ersten Abschlüsse: Um überhaupt zur Prüfung zugelassen zu werden und die volle Punktzahl zu bekommen, musste man erstmal ein paar Abschlüsse bringen. Am leichtesten wäre dies im Bekanntenkreis. Man wurde also nicht dazu gezwungen, Adressen seiner Freunde preis zu geben, aber man sollte sie selbst abklappern und der Teamleiter wäre dann bei den Abschlussgesprächen dabei.

Das Ganze hat bei mir aber nicht funktioniert – klar denn wer lässt sich von jemand beraten der eben noch zu Hause saß und im nächsten Augenblick als „Finanzberater“ auftritt? Ob es bei den anderen geklappt hat, weiß ich nicht (wobei ich bei ein paar sicher bin, dass es nicht funktioniert hat) aber wir gingen alle in die schriftliche und mündliche Prüfung und obwohl einige sauschlecht waren, wie wir später hörten, haben alle bestanden – welch Wunder. Offiziell sind die ausgestellten Zeugnisse auch nichts wert, da sie firmenintern und nicht vor der IHK abgehalten werden.

Schon einige Zeit vor der Prüfung hatten wir einen Gewerbeschein beantragt und Überbrückungsgeld beim Amt. Um das zu bekommen, muss man einen fundierten Plan mit erwarteten Einnahmen und Ausgaben vorlegen, der von einem Unternehmensberater beglaubigt wurde – wie praktisch, dass dieser Finanzdienstleister sehr eng mit einem Unternehmensberater zusammenarbeitete, der schon wer weiß wie viele dieser Pläne abgesegnet hatte. Die Unterlagen hatten die Teamleiter des Finanzdienstleisters sogar schon in der Schublade, so dass wir sie nur noch abschreiben mussten.

So wurden wir also auf die Menschheit losgelassen. Wie wir an Kunden kommen sollten, wussten wir inzwischen auch. Zum einen durch Stellenangebotsanzeigen, die wir selbst schalten und bezahlen mussten – wir waren ja selbständig. Oder wir gingen „Checken“ – ein anderes Wort für anwerben. D.h. wir gingen in die Fußgängerzonen oder ins Einkaufscenter und laberten Leute an, nach dem Motto „Guten Tag. Sie sind mir wegen Ihrer positiven Ausstrahlung aufgefallen. Sie wirken so sympathisch. Haben Sie kein Interesse bei uns zu arbeiten? Kommen Sie doch mal auf ein Gespräch vorbei.“

Wenn diejenigen dann kamen, egal ob durch die Anzeige oder die Anwerbung, ging der Kreislauf wieder von vorne los: Leute belabern (oder soll ich sagen: anlügen) was den Job und die Bezahlung angeht, einladen zum Infoabend usw.

Auf diversen Schulungen die unser Filialleiter und auch der stellvertretende Geschäftsführer bei uns abgehalten haben, mussten auch alle teilnehmen. Es fielen immer wieder Sätze wie: „Man muss Gas geben, um Erfolg zu haben. Lassen Sie sich nicht von Zweiflern aufhalten. Vielleicht sollte man alle Brücken abbrechen. Man muss bei dem Finanzdienstleister nicht nur arbeiten, man muss ihn leben. Da hab ich mich schon gefragt, ob die einen Knall haben. Das ist eine Firma wo ich Geld verdienen will, nicht meine neue Familie.

Als der Erfolg ausblieb, nicht nur bei mir, waren wir schon recht geknickt. Auch mein Teamleiter der sooo enthusiastisch war, hatte keinen Erfolg. Die Einzige, die ihm Geld einbrachte, war eine Mitarbeiterin, die ihre halbe Familie dort anschleppte. Doch dann kam Kitzbühel. Eine Seminarreise, an der wir teilnehmen mussten. Auch wenn wir nicht wollten, denn es stand im Vertrag, dass wir von 4 Veranstaltungen 2 mitmachen mussten und da ich schon die Weihnachtsfeier in München nicht mitgemacht hatte…….

Natürlich mussten wir Fahrt und Unterbringung selbst bezahlen Und das von dem wenigen Geld, das ich zur Verfügung hatte. Die Veranstaltung selbst war der Knaller. Alle saßen auf unbequemen Stühlen und hörten sich etwas über den Erfolg des Unternehmens an. Dann kam der Oberchef und hielt seine Rede. Ein Kollege meinte später: „Als der auf die Bühne kam, dachte ich sofort: Ein richtiger Sonnyboy“

Komisch mir kam als erstes der Begriff „Zuhälter“ in den Sinn – braungebrannt, halb offenes Hemd, Goldkettchen…. Nunja, danach wurden besonders verdiente Mitarbeiter, also alle, die über einem bestimmten Punktesatz lagen, mit Anstecknadeln ausgezeichnet und durften dann über ihre Erfolgsgeschichte erzählen, was im Endeffekt nur Lobhudelei und Selbstbeweihräucherung darstellte aber keine wirklichen Tipps wie man es schaffen kann außer „Gas geben“ (so eine Art Leitspruch der Firma).

Danach gab’s noch eine Feier in einer überfüllten Partyhütte aus der ich mich nach kurzem mit zwei anderen Mitarbeitern wieder entfernte. Mein Teamleiter meinte nach der Fahrt, er hätte nun wieder neuen Schwung und sei nun wieder bereit los zu legen. Keine Ahnung was sie dem in den Kaffee getan hatten, aber ich war wirklich nur noch körperlich bei der Firma, mit dem Herzen und in Gedanken aber längst schon weit weg und so verlies ich den Finanzdienstleister nach einem halben Jahr wieder, als mein Überbrückungsgeld vom Amt auslief.

Ich bin bis heute nicht stolz auf die Lügen, die ich den Menschen erzählt habe und bin froh, dass keiner drauf reingefallen ist – offenbar bin ich ein schlechter Schwindler (Nichts worüber man traurig sein muss, denke ich).

Einige, die mit mir angefangen haben, sind mit mir auch wieder gegangen. Ein paar sind länger geblieben, aber im Endeffekt sind fast alle, die mit mir, oder kurz danach angefangen haben, gescheitert. Die Einzigen die wirklich in so einem Unternehmen Geld verdienen sind diejenigen, die früh angefangen haben und hoch oben in der Pyramide stehen. Auch mein Teamleiter ist kurz nach mir gegangen, nachdem er sich, wegen der Firma, von seiner Freundin getrennt und die Firma über seine Partnerschaft gestellt hatte, aber dennoch keinen Erfolg und somit keine Einnahmen hatte. ”

Ein Gast-Erfahrungsbericht von K. W.


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Der Beitrag wurde am 17. November 2009 um 21:28 veröffentlicht und wurde in der Kategorie Arbeit, Politik gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.